Regionale Wertschöpfung ist mehr als regional einkaufen. Entscheidend ist, wo Unternehmen beschaffen, investieren und kooperieren – und gleichzeitig, wie erfolgreich sie über die Region hinaus sind. Beim gemeinsamen Abend des Netzwerks Zukunftsregion Steyr und der WKOÖ Bezirksstelle Steyr wurde vor allem eines deutlich: Wer die Region stärken will, muss sie größer denken.
Beim Talkabend im Raiffeisen Kompetenzzentrum Steyr trafen unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Energie, Finanzierung, Lieferketten, Fachkräfte, Standortentwicklung, Digitalisierung und persönliche Netzwerke. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kooperation, Innovation und Vernetzung dazu beitragen können, Wertschöpfung in der Region zu halten und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu stärken. Die Raiffeisenbank Steyr war Gastgeberin des Abends, stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung und sorgte für die Verpflegung beim anschließenden Austausch.
Energiegemeinschaften: Wertschöpfung wird konkret
Josef Schmid von REG Raiffeisen Energie zeigte am Beispiel von Energiegemeinschaften, wie regionale Kreisläufe ganz praktisch funktionieren können. Regional erzeugter Strom wird innerhalb einer Energiegemeinschaft zwischen den Mitgliedern geteilt. Damit bleiben auch Geldströme stärker innerhalb der Region. „Energiegemeinschaften sind Regionalisierung pur“, brachte Schmid diesen Gedanken auf den Punkt.
Gleichzeitig können Energiegemeinschaften weitere Investitionen anstoßen. Wer sich intensiver mit dem eigenen Energieverbrauch beschäftigt, denkt eher über Photovoltaik, Speicher oder E-Mobilität nach. Daraus können wiederum Investitionen und zusätzliche Aufträge entstehen.
Auch die Finanzierung ist Teil dieses Kreislaufs. Andreas Schmidbauer betonte: „Wir als Raiffeisenbank Steyr schauen, dass wir regionale Wertschöpfung ermöglichen, indem wir unseren Kundinnen und Kunden – insbesondere den Firmenkunden – die Gelder und Möglichkeiten dafür zur Verfügung stellen.“
Regionalität heißt nicht Abschottung
Einen breiteren wirtschaftlichen Blick brachte Herbert Jodlbauer vom FH OÖ Campus Steyr ein. Relevant sei nicht allein, wie viel Umsatz ein Unternehmen erzielt, sondern vor allem, wo Materialien und Dienstleistungen eingekauft werden, wo Einkommen ausgegeben und wo Gewinne wieder investiert werden. Jodlbauer betonte, man müsse viel stärker verstehen, wie oft sich ein Euro in der Region dreht.
Eine starke Region braucht aber auch Unternehmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen außerhalb der Region erfolgreich verkaufen und damit zusätzliche Wertschöpfung hereinholen. Regionalität dürfe deshalb nicht mit Abschottung verwechselt werden.
Jodlbauer formulierte dafür einen klaren Ausgangspunkt: „Der erste Schritt sollte sein, dass wir alle Stakeholder der Region zusammenbringen und wir ein gemeinsames Ziel entwickeln, sozusagen ein Bild der Zukunft haben, wo wir sagen: Genau dort wollen wir hin.“
Dazu brauche es wettbewerbsfähige Unternehmen, Ausbildung und Forschung, qualifizierte Fachkräfte, Innovationskraft sowie die Fähigkeit, in wechselnden Netzwerken zusammenzuarbeiten. Digitalisierung und KI sieht Jodlbauer als wichtige Werkzeuge für neue Geschäftsmodelle und zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.
Auch Bettina Stelzer-Wögerer brachte diesen Gedanken auf den Punkt: „Um eine Region stärker zu machen, gilt es, den Begriff der Regionalität größer zu denken.“
Vertrauen, Qualität und persönliche Beziehungen
Wie Wertschöpfung im Unternehmensalltag funktioniert, zeigte die anschließende Gesprächsrunde.
Franz Hackl von der Tischlerei Hackl verwies auf die Bedeutung persönlicher Beziehungen und verlässlicher Lieferketten. Ein großer Teil des verarbeiteten Holzes stammt laut Hackl aus Österreich. Gleichzeitig spielt die Nähe zu Lieferant:innen und Kund:innen eine wesentliche Rolle.
„Da ist es einfach wesentlich, in der Stadt zu bleiben, in der Umgebung zu bleiben und mit den Partnerinnen und Partnern vor Ort Geschäfte zu machen, damit die Wertschöpfung in der Region bleibt“, so Hackl.
Gerade im Handwerk zeigte sich aber auch eine Herausforderung: Regional produzierte Qualität steht zunehmend im Wettbewerb mit günstigeren Angeboten. Damit stellt sich nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Konsument:innen die Frage, welche Strukturen sie mit ihren Kauf- und Vergabeentscheidungen tatsächlich unterstützen.
Persönliche Ansprechpartner und gewachsene Beziehungen haben dabei einen eigenen Wert – besonders dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Vertrauen wird damit selbst zu einem Standortfaktor.
Kooperation entsteht nicht automatisch
Dass räumliche Nähe allein noch keine Zusammenarbeit schafft, machte Thomas Brettenthaler von FE Business Parks deutlich. Unternehmen müssten aktiv miteinander vernetzt werden, damit aus Nachbarschaft tatsächlich gemeinsames Wirtschaften entsteht.
Wie konkret das aussehen kann, zeigte ein Beispiel aus den Business Parks: Drei kleinere Betriebe teilen sich gemeinsam einen Stapler. Gleichzeitig entstehen innerhalb der Standorte Leistungsketten, in denen Unternehmen einander Aufträge weitergeben oder Leistungen ergänzen. Solche Formen der Zusammenarbeit sparen nicht nur Ressourcen, sondern können auch neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen.
„Region heißt nicht nur regional. Regional heißt weiterdenken, regional heißt über die Grenzen hinaus.“
Brettenthaler verwies zudem auf die Bedeutung von Empfehlungen: Gute Erfahrungen mit Unternehmen aus dem Umfeld weiterzugeben, könne dazu beitragen, dass Aufträge innerhalb eines Netzwerks weiterwandern und neue Kooperationen entstehen.
Komplexe Projekte brauchen verlässliche Partner
Auch bei größeren Projekten zeigt sich, wie wichtig funktionierende Partnerstrukturen sind. Bettina Stelzer-Wögerer berichtete, dass bei der Umsetzung ihrer Projekte je nach Auftrag zahlreiche Betriebe zusammenspielen. Dabei stehe nicht allein der Preis im Vordergrund: Qualität und Verlässlichkeit haben besondere Bedeutung. Gerade bei komplexen Projekten müssen unterschiedliche Gewerke, Kompetenzen und Standorte koordiniert werden. Wertschöpfung vor Ort bedeutet deshalb auch, jene Partner:innen zu finden, die fachlich und zeitlich tatsächlich zusammenpassen.
Junge Unternehmen brauchen Zugang und Zeit
Für junge Unternehmen ist der Zugang zu bestehenden Kontakten besonders wertvoll. Stefan Vielhaber von PROTEX setzt bewusst auf Partner in der Region und die Zusammenarbeit mit Sozialbetrieben.
„Unser wichtigster Punkt ist: Wir wollen so viele Sozialbetriebe wie möglich in unseren Alltag einbinden und ihnen Arbeit weitergeben.“
Vielhaber machte zugleich deutlich, dass Netzwerken Zeit braucht. Für junge Betriebe sei es hilfreich, wenn etablierte Unternehmer:innen bereit sind, zuzuhören, Gespräche zu führen und Kontakte zu ermöglichen. Nicht jeder Austausch müsse sofort zu einem Auftrag führen – oft beginne Zusammenarbeit mit einem ersten Gespräch und dem Zugang zu einem bestehenden Netzwerk.
Aus Kontakten müssen Projekte werden
Genau an diesem Punkt setzt auch das Netzwerk Zukunftsregion Steyr an. Für Daniela Zeiner geht es bei Vernetzung nicht nur darum, Menschen zusammenzubringen. Entscheidend ist, dass aus Kontakten gemeinsame Projekte und langfristige Beziehungen entstehen.
Der Abend zeigte damit: Wertschöpfung entsteht durch viele einzelne Entscheidungen – bei der Auswahl von Partner:innen, bei der Vergabe von Aufträgen, bei Investitionen, in der Finanzierung und beim Teilen von Wissen und Möglichkeiten.
Zeiner fasste den Gedanken am Ende so zusammen:
„Think global, act local. Das ist wirklich wahrer denn je und in der heutigen Zeit von Zusammenarbeit und Netzwerken wichtiger denn je.“
Die Veranstaltung wurde gemeinsam vom Netzwerk Zukunftsregion Steyr und der WKOÖ Bezirksstelle Steyr initiiert.
Nächste Termine des Netzwerks Zukunftsregion Steyr
Der Austausch geht in den kommenden Wochen weiter: Am 11. November 2026 um 17:30 Uhr lädt das Netzwerk zu einem Stammtisch mit Unternehmenseinblick bei Impex. Am 17. November 2026 um 10:00 Uhr folgt Jobmatch – die Bewerbungsmesse im City Point Steyr. Am 26. November 2026 steht der Glow & Grow – She Power Day @ HEY! STEYR auf dem Programm: ab 14:00 Uhr im HEY! Steyr und ab 18:30 Uhr mit „Frauen, Finanzen & Frizzante“ in der Sparkasse Steyr.